Das „Tall-Poppy“ Syndrom in Australien – alle sind gut, keiner ist besser

25.08.2009 Autor: - in Leben & Alltag, Skurriles, Top - 4 Kommentare

Das erste Mal, dass ich in Australien ueber das Wort „tall-poppy syndrome“ gestolpert bin, war waehrend meines Studiums, als uns unsere Dozentin davon erzaehlte, wie hochnaesig ihre Chefin waere. Was dieses Wort wirklich bedeutet, findet man aber erst dann heraus, wenn man laengere Zeit in Australien lebt und die Kultur und Medienlandschaft intensiv kennengelernt hat.

Tall-Poppy SyndromeObwohl Australien in meinen Augen in vielen Aspekten immer mehr amerikanisch wird (besonders was die Medien und der Einfluss des Kommerzes angeht) unterscheidet sich der Australier in dieser einen Sache: die hochnaesigen Moechtegerne, die besser und staerker als alle Anderen sein moechten, werden von der Gesellschaft verpoent.

Die Herkunft das Begriffs findet man beim griechischen Philosoph Aristoteles, der behauptete, dass man die groesseren Sproesslinge der Mohnpflanzen (Poppy) abschneiden muesse, damit alle in der gleichen Groesse heranwachsen und es keine herausrangenden „Superpflanzen“ gibt.

Dies heisst natuerlich nicht, dass es in Australien keine reichen oder extrem erfolgreichen Leute gibt. Diesen Leuten wird ihr Ruhm aber nur dann gegoennt, wenn sie sich weiterhin als „Teil vom arbeitenden Volk“ ansehen und sich nicht oeffentlich in eine hoehere, bessere Kategorie heben.

Der bekannte Tennisspieler Lleyton Hewitt wurde bereits vor heimischem Publikum ausgebuht und man unterstuetzte einen fremden, jungen Spieler umsomehr. Sowas ist im Sportverrueckten Australien absolut selten. Anscheinend war dem Publik der sehr arrogant auftretende Hewitt zu hochnaesig. Er antwortete spaeter auf die Frage, ob er wohl dem „tall-poppy syndrome“ zum Opfer gefallen sei: „it was the „stupidity“ of the Australian public to knock the better players“.

Viele argumentieren, dass es sich bei dem „tall-poppy syndrome“ um reinen Neid handelt. Und auch dafuer gibt es genuegend Beispiele. Greg Norman ein extrem erfolgreicher australischer Golfer sagte einmal:

„If someone in America bought a sports car, then other Americans would say „nice car.“ However, if someone in Australia bought a sports car, other Australians would scratch it.“

Dies ist natuerlich sehr verallgemeinert. Es gibt genuegend Leute in meiner Nachbarschaft, die ein dickes Auto fahren und ich kann keine Kratzer im Lack finden. 😉

Der kuerzlich verstorbene Krokodil-Wrestler Steve Irwin ist ein gutes Beispiel dafuer, dass man extrem erfolgreich sein „darf“, ohne dadurch das Ansehen der Gesellschaft zu verlieren. (Uebrigens: Qantas musste nach Promotionaktionen von Irwin in den USA seine Fluege von San Francisco nach Sydney von 25 auf 40 pro Woche aufstocken!)  Allerdings war dieser auch bekannt dafuer, dass er sich nicht auf seinen Lorbeeren ausruhte und weiterhin der typische „Aussie bloke“ geblieben ist, dem das Land und seine Tiere am Herzen lag.

Es gibt viele weitere Beispiele, die dafuer sprechen, dass es dieses „tall-poppy syndrome“ wirklich gibt. Andere werden es weiterhin auf den Neid der besitzlosen oder weniger erfolgreichen Leute schieben.

Meine eigenen Erfahrungen sind ebenfalls sehr unterschiedlich. Erst kuerzlich war ich bei einem Kunden in Sydney – ein sehr erfolgreicher, wohlhabender Anwalt, der eine Kanzlei mit 30 Anwaelten fuehrt. Er war zu keinem Zeitpunkt ueberheblich oder versnobt und auch ihm rutschten hier und da ein etwas proletisches „bloody …. “ heraus – etwas typisch australisches. Dann wiederum habe ich in den letzten Jahren viele reiche Leute kennengelernt, die kein Paar Schuhe unter $500 besitzen und Haeuser ohne Klimaanlagen als Baracken bezeichnen.

Australien ist in den letzten Jahrzehnten ein sehr reiches Land geworden. Die Immobilienpreise steigen stetisch und die Wirtschaft boomt (auch die Krise hat man gut verkraftet). Bleibt die Frage, wie sich die Gesellschaft dieser Entwicklung anpasst und ob man in den kommenden Generationen den erfolgreichen Teil der Gesellschaft immernoch als „one of us“ ansieht.

    

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Kommentare (+)

Britta schrieb am 31.08.2009:

klar, kann man jede Lebenseinstellung zum unerträglichen Extrem führen – und dann nervt´s – aber ich mag genau das an der australischen Lebensart, das Bodenständige, das Tiefstapeln – den Begriff „Tall-Poppy“ kannte ich gar nicht ;-))

Antje Reeves schrieb am 31.08.2009:

Super Artikel! Sehr aufschlussreich! Da hab´ ich mal wieder was dazu gelernt! Danke!

Volker schrieb am 20.02.2011:

Hallo Kai, vieles von dem was Du hier schreibst scheint dem Artikel „Flogging the tall-poppy syndrome“ (http://www.convictcreations.com/culture/poppy.htm) zu entstammen. Es liest sich fast wie eine Uebersetzung. Wie dem auch sei, ich kann Deine Ausführungen nur bestaetigen. Ich persoenlich glaube, dass Australien sich mit diesem Verhalten selbst auf den Fuessen steht. Nach meiner Erfahrung ist der Kernpunkt, dass der durchschnittliche Australier relativ ungebildet ist, sieht man mal davon ab, dass er im Fachbereich Sport zu Cricket und AFL jedes Spiel und seinen Ausgang von 1950 fehlerlos herunterbeten kann. Offensichtlich gibt es ein Bewusstsein fuer diesen Bildungsmangel. Warum sonst wird jede Art von intellektuellem Erfolg (vor allem wenn internationale Anerkennung im Spiel ist) gnadenlos heruntergemacht oder schlicht ignoriert? Offensichtlich erzeugt das Neid und Missgunst bei denjenigen, die wissen, dass ihr Unwissen sie an vergleichbaren Leistungen hindert. In diesem Zusammenhang noch eine Buchempfehlung: ‚How To Survive Australia‘ von Robert Treborlang.

Helene schrieb am 01.05.2012:

Hi Kai Brach!

I am currently writing an article for a Norwegian student magazine comparing Australia’s Tall Poppy Syndrome with similar tendencies in Norway, and was wondering whether I might use the photo on your page – if it is you who have taken it?

Kind regards,
Helene.

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