Urlaub in Deutschland

Nach fast zwei Monaten Aufenthalt in Deutschland heißt es für mich nun in wenigen Tagen wieder Abschied nehmen und meine Reise nach Melbourne antreten. Welche Eindrücke ich als ‚Ausgewanderter‘ mit in die neue Heimat nehme, fasse ich hier kurz zusammen.

Obwohl ich nun insgesamt schon fast sechs Jahre in Australien verbracht habe, waren die letzten 1,5 Jahre etwas besonderes. Mit der ‚Permanent Residence‚ in der Tasche denkt man doch ganz anders über seine Zukunft in Australien nach. Daher bin ich mir in den vergangenen eineinhalb Jahren mehr als Australier vorgekommen als je zuvor.

Nach jedem längeren Aufenthalt im Ausland fühlt sich das Heimkommen immer etwas seltsam an. Man entdeckt jedes mal neue Kleinigkeiten an der Kultur, der Sprache, der Gesellschaft und an sich selbst (Positives sowohl als auch Negatives), die einem zuvor entweder nicht aufgefallen sind oder die man einfach anders wahrgenommen hat.

So ist mir kurz nach meiner Ankunft bereits aufgefallen, dass zum Beispiel die Lebenshaltungskosten in Deutschland im Vergleich zu denen in Melbourne wesentlich geringer sind (auch wenn manche das anders sehen).

In einem kleinen Ort im Saarland aufgewachsen sind natürlich die gesellschaftlichen und kulturellen Unterschiede zu einer Großstadt wie Melbourne nicht übersehbar. So freue ich mich einerseits immer wieder meine Kindheitsfreunde zu treffen, um sich über alte Zeiten zu unterhalten. Auf dem Lande hat man einfach verdammt viel Zeit. Verabredungen mit Freunden sind meist kurzfristig machbar. Neues gibt es nicht viel und wenn, dann sind es eher Kleinigkeiten. Vielleicht ist es genau dies, was ich zu schätzen weiß, denn es ist schön zu dem Bekannten zurückzukommen, was man mit einem lachenden und einem weinenden Auge zurückgelassen hat.

Andererseits wird man sehr schnell von dem ländlichen Lebensstil und dem kleinkarierten Gehabe der Leute müde. Es geht ständig um Kleinigkeiten – Klamotten, die man trägt sind ’seltsam‘, Themen, die diskutiert werden wiederholen sich mehrmals stündlich (ist man irgendwann mal mit dem Wetter zufrieden???) und das alles gemischt mit der üblichen kleinbürgerlichen Gerüchteküche.

Etwas gelangweilt vom Saarland wollte ich einen direkteren Vergleich zu Melbourne ziehen können. Also, ab nach Berlin. Schon immer war ich ein Fan der deutschen Hauptstadt. Bis auf wenige kurze Besuche habe ich dort aber noch nicht genügend Zeit verbracht, um diese deutsche Großstadt mit dem australischen Äquivalent zu vergleichen. Daher mietete ich mir für vier Wochen ein Apartment im Prenzlauerberg.

Und ich wurde nicht enttäuscht. Die langen Nächte in Berlin mit den vielen Menschen in Bars, Restaurants und Beaches –  das Leben im Freien Berlins fand ich klasse und hat mich häufig an Australiens Lebensstil erinnert. Sowieso fühlte ich mich im kreativen und teilweise chaotischen Berlin pudelwohl. Nicht nur die vielen zugezogenen Deutschen, sondern auch die vielen Touristen und das multikulturelle Wirrwarr wie zum Beispiel in Kreuzberg geben der Stadt Aufwind, den man überall und zu fast jeder Zeit spüren kann. Natürlich tat mir der geschichtliche Hintergrund Berlins besonders gut, bedenkt man, dass sich die australische Geschichte auf ein bisschen mehr als ein Jahrhundert beschränkt.

Auch die Berliner selbst empfand ich als stets freundlich und zuvorkommend. Positiv überrascht hat mich auf jeden Fall die Tatsache, dass Berlin es versteht sich auf internationalem Niveau zu präsentieren. Dies fängt bei der Mehrsprachigkeit in Bus und Bahn an, über das immens große kulturelle Angebot, bis hin zum Bewusstsein der Menschen, die dort leben. Deshalb muss diese Stadt sich auch überhaupt nicht hinter den anderen Metropolen Europas und dem Rest der Welt verstecken. Ich würde sogar sagen, dass Berlin einer meiner Favoriten als Stadt zum Wohnen in Europa geworden ist.

Auf die des öfteren gestellte Frage, wie ich es denn nun mit Melbourne vergleichen würde, fehlt immer noch eine passende Antwort. Was mir in Berlin fehlt, ist das, was man erst nach ein paar Jahren Aufenthalt in Australien zu schätzen weiß. Vielleicht ist es der etwas entspannterer Lebensstil, das Wetter, die Nähe zum Meer, die Sprache oder vielleicht doch einfach von allem ein bisschen.

Jedenfalls steige ich in wenigen Tagen wieder in den Flieger nach Australien und werde jede Menge extrem positive Erfahrungen und Erlebnisse mit ’nach Hause‘ bringen. Es bleibt die Einsicht, dass man nicht alles haben kann. Melbourne ist schön, Berlin aber auch. Deutschland hat sicherlich seine Macken, Australien aber ebenso. Ich war nie derjenige, der aus Deutschland notgedrungen weg musste, da ich hier alles schlecht fand. Im Gegensatz, ich finde, dass Deutschland ein ganz tolles Land ist, das viele andere Länder hoch ansehen und sich als Vorbild nehmen. Allerdings muss man unter dem Strich doch feststellen, dass es leider die Deutschen selbst sind, die mit dem ständigen Gejammere, wie schlecht es ihnen ginge, die Stimmung im Land versauern. Ich denke, dass dies auch ein Grund dafür ist, dass es mir momentan in Australien ein klein wenig besser gefällt. 😉

PS: wer einen genialen Blog zum Leben in Berlin lesen will, der muss hier lang.

    

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Kommentare (+)

daniel schrieb am 23.08.2010:

full ack. eine mischung aus melbourne und berlin, das wärs!

Alex schrieb am 08.09.2010:

Schöne Einsichten – ich als gebürtiger Berliner finde immer witzig, wenn Touristen (naja du bist ja einer iwie) Berlin als so positiv darstellen. Im Zentrum mag „stets freundlich und zuvorkommend“ ja stimmen, aber in den Außenbezirken ist wohl die Gangart „härter“ (nicht böse!) – aber das ist wohl in jeder Großstadt so…

All the best weiter in Melbourne!

Grüße aus Marzahn! :)

Ann schrieb am 02.12.2010:

Berlin ist eine arme Stadt. Deswegen ist sie so billig und zieht viele Künstler an, die das Ambiente der Stadt prägen und viel Kreativität verbreiten. Andereseits ist es für den normalsterblichen Arbeitnehmer schwer Arbeit in Berlin zu finden – und genau die sind es aber, die Berlin finanzieren. Es fehlt Geld an allen Ecken und Enden. Ich finde es immer schlimm die Obdachlosen hier zu sehen oder zu lesen wie schlecht die Berliner Schüler im bundesdeutschen Vergleich sind. Ingesamt ist die Balance in Berlin schief. Mit dem richtigen Job ist Berlin aber nett, weil man sich soviel leisten kann – und wer auf Kunst und Kultur steht, der ist hier sowie so richtig 😉
Wie dem auch sei, ich ziehe jedenfalls nächstes Jahr weg aus Berlin…erstmal nach Neuseeland und dann vielleicht weiter nach Australien :)
Gutes Blog! Danke für die Infos.

awendt schrieb am 17.05.2012:

Da stimme ich Alex in vollem Umfang zu. Ich habe ein paar Jahre in Berlin gearbeitet. Allerdings muss ich sagen, dass die etwas härtere Gangart wirklich nicht böse gemeint ist, der Dialekt und die Ausdrucksweise hört sich schlimmer an als sie tatsächlich gemeint ist.

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