Im Interview: Australien-Auswanderer Silke Gebauer

01.12.2008 Autor: - in Auswandern, Interviews, Top - ein Kommentar

1.) Stelle dich doch bitte kurz vor:

Nach vielen Jahren des weltweiten Nomadentums, das mich aus meiner Heimatstadt Lauenburg an der Elbe (ja, da war frueher der Grenzuebergang auf der Transitstrecke Hamburg-Berlin!) nach der Schulzeit am Geesthachter Gymnasium und abgeschlossener Uebersetzerausbildung in Hamburg ueber London, Hongkong schliesslich nach Sydney, von dort nach Singapur und noch einmal nach Hongkong und schliesslich nach Melbourne verschlagen hat. Laut Geburtsurkunde bin ich Mitte 40, was sich kaum in meinem Lebensstil als begeisterte Seglerin, Windsurferin und Outdoor-Begeisterte niederschlaegt.

2.) Wann bist du nach Australien ausgewandert und was waren deine Beweggruende?

Der Traum Australien keimte schon in der Schulzeit, als Deutschland in den 80er Jahren fleissig ueberall Atommeiler baute und das ferne Australien so unglaublich natuerlich und unverdorben erschien und obendrein ein fuer eine schlechtwettermuede Norddeutsche ein geradezu paradiesisches Klima bot. Dass Traeume sich nicht um Fakten scheren (Australien hat auch Atommeiler und, oh Schreck, versorgt den Rest der Welt mit Uran und muss sich auch in anderer Hinsicht das zweifelhafte Praedikat umweltlicher Ignoramus gefallen lassen) ist nichts Neues und dass man sie nicht unbedingt schnurstracks verfolgt auch nicht. So ging ich zunaechst nach London und Hongkong und es waren letztendlich die australischen Freunde, die ich dort kennengelernt hatte, die mich mit ihrer Begeisterung fuer ihr Heimatland auf die Idee brachten, tatsaechlich ein Visum fuer Australien zu beantragen. Man kann’s ja mal versuchen? Und nachdem die langwierige Antragsprozedur endlich von Erfolg gekroent war, zog ich Anfang 1990 nach Sydney.

3.) Wo genau lebst du jetzt? Was machst du beruflich und wie sieht ein typischer Tag in Australien fuer dich aus?

Ich wohne und arbeite in Port Melbourne, dem ehedem anruechigen Hafenviertel von Melbourne, das inzwischen einen tollen Lebensstil am Strand und in der Naehe der City bietet. Nach einer Karriere in der Publizistik und viel internationaler Reiserei habe ich nun ein kleines Uebersetzerbuero, arbeite mit sprachbegeisterten Kollegen zusammen und verbringe meinen Arbeitsalltag uebersetzend und schreibend am Computer. Ein willkommener Ausgleich zur beruflichen Stubenhockerei sind Kaffeepausen in den vielen Cafes in der Nachbarschaft, Spaziergaenge am Strand, Besorgungen per Rad und im Sommer Wassersport (Port Phillip Bay ist im Winter dann doch zu kalt fuer uns verweichlichte Langzeit). Das vielgelobte Kulturangebot in Melbourne hat wirklich etwas und es ist immer irgendwo etwas los, sogar unmittelbar im eigenen Stadtteil.

4.) Koenntest du 3 wesentliche Unterschiede zwischen dem Leben in Deutschland und dem Leben in Australien nennen?

Man kann „das Leben“ eigentlich nicht so verallgemeinern, denn man kann es sich selbst so einrichten, wie man will, egal (ok, nicht ganz) wo man lebt.

Mehr Flexibilitaet bietet Australien im Vergleich zu Deutschland sicherlich. Hier gibt es noch Dinge, die niemand anders macht bzw. anbietet und so kann sich jemand mit Koepfchen, Elan und Initiative hier ohne weiteres eine eigene Existenz aufbauen.

Vieles laeuft ueber Beziehungen, was nicht heisst, dass Qualifikationen unwichtig sind, es wird einfach davon ausgegangen, dass die stimmen. Fuer einen Neuanfaenger bedeutet das eher einen noch schwereren Start, denn man muss sich ausserdem noch neue Netzwerke aufbauen.

Natuerlich gibt es hier auch das Syndrom „Was sollen die Leute denken“, aber es ist nicht annaehernd so stark ausgepraegt wie in Deutschland. Man laesst hier eher leben, allerdings heisst das in vielen Faellen auch nebeneinander her leben. Die freundliche und offene Art vieler Australier wird von Deutschen oft als Freundschaftsbekundung verkannt, obwohl sie oft unverbindlich gemeint ist und es auch hier lange dauert, bis man wirkliche Freundschaften schliesst.

5.) Welche 3 Tipps wuerdest du einem Deutschen geben, der darueber nachdenkt nach Australien auszuwandern?

Tipp 1: Auf jeden Fall vor der grossen Entscheidung gaaaaaanz viel Zeit in Australien verbringen und zwar nicht nur als Tourist im Urlaub, sondern auch im Alltag, der ja bekanntlich ueberall seine Schattenseiten hat. Die Bruecken zu Hause nicht ganz abbrechen, sondern z.B. lieber erstmal die Wohnung vermieten und sie nicht gleich verkaufen.

Tipp 2: Ganz ehrlich mit sich selbst sein und genau auflisten, was man sich vom Leben in Australien verspricht und abwaegen, ob das auf realistischen Erwartungen beruht und ob man sein persoenliches Glueck nicht vielleicht auch mit veraenderter Kulisse im eigenen Land oder zumindest im benachbarten Ausland erreichen kann.

Tipp 3: Recherchieren, inwieweit die deutsche Berufsbildung in Australien anerkannt wird, denn das ist nicht unbedingt der Fall. Anerkennungsverfahren nehmen u.U. Zeit in Anspruch und kosten Geld und Nerven.

6.) In Australien ist sicherlich nicht nur alles Gold was glaenzt. Welche 3 Dinge vermisst du am meisten bzw. gehen dir in Australien auf den Wecker?

In Australien orientiert man sich zur Selbstfindung mit Bravour an Amerika und an Europa. Alles was von dort kommt, gilt automatisch als begehrenswert. Franzoesisches Essen, ohlala, deutsche Autos, Statussymbole ohnegleichen. Im Gegenzug musste sich Kunst der im Heimatland zunaechst ignorierten Aborigines erst im Ausland einen Namen machen, ehe sie auch in Australien ernst genommen wurde.

Bei allem Hingucken nach Europa haben australische Politiker dabei leider den fortschrittlichen Umweltschutz in Laendern wie Deutschland uebersehen. Es werden hier auf ziemlich unverantwortliche Weise Rohstoffe verschwendet und es wird Raubbau an der Natur getrieben, die man sich gleichzeitig als Trumpf auf die touristischen Fahnen geschrieben hat.

Was mir an Australien fehlt? Man kann nicht einfach mal fuer ein Wochenende nach Paris oder Prag fahren, sondern muss sich 24 Stunden lang die teure Tortur in einem Flieger gefallen lassen, um diese kulturelle Vielfalt an der Quelle zu erleben. Und man vermisst mit zunehmendem Alter Freunde und Angehoerige, die in Deutschland wohnen.

7.) „In meinen Augen sind die Australier…“

…auch nur Menschen. Sie haben genauso an ihrer Selbstfindung zu knabbern, wie Menschen anderer Nationen, vielleicht sogar mehr, weil man ja von Straeflingen abstammt (und die entwurzelten Aborigines stehen in punkto Selbstfindung vor einem regelrechten Mt Everest). Man hat hier einen auf der Geschichte als britische Straeflingskolonie beruhenden Autoritaetskomplex und laesst sich nicht gerne etwas vorschreiben. Andererseits sind viele Australier politisch blauaeugig und es gehoert nicht ueberall zum guten Ton, seine anderslautende Meinung allzu vehement zu vertreten. Dass infolgedessen auch demokratische Rechte eingeschraenkt werden, stoert den Normalbuerger anscheinend weniger als die Hoehe der Kreditzinsen.

8.) Ein australisches Wort oder eine Redewendung, das/die jeder wissen sollte:

„See you later, mate“ ist einfach eine nette Floskel, wie Tschuess bei uns und heisst nicht, dass man sich in Kuerze wieder sehen wird.

9.) Noch was zu sagen? Abschliessende Worte zu deinem neuen Leben…

Es gibt ueberall schoene Dinge und Dinge, die man weniger prickelnd findet. Aber worauf es wirklich ankommt, ist die eigene Einstellung und das Gefuehl, selbstbestimmt leben und etwas zum Leben anderer beitragen zu koennen. Es lebe das Leben – wo auch immer!

Anmerkung von Kai: Silke ist zertifizierte Uebersetzerin! Falls du also fuer ein Visum oder fuer andere Dokumente eine anerkannte Uebersetzung von Deutsch nach Englisch oder umgekehrt brauchst, dann schau dir Silke’s Website an und trete mit ihr in Kontakt.

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Kommentare (+)

Markus schrieb am 11.12.2008:

Tolles Interview! Danke, dass du uns einen Einblick in deinen Lebenslauf gibst, Silke!

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