Fremantle: Ein Nachmittag im Knast

26.06.2017 Autor: - in Reisen & Tours - keine Kommentare

Fremantle Innenstadt

Einen Kaffee auf dem Cappuccino Strip trinken und dabei die schönen Häuser aus der Kolonialzeit bewundern. Sich von der entspannten Haltung der Aussies anstecken lassen, einen Blick ins Gefängnis werfen und Didgeridoo spielen. In der westaustralischen Hafenstadt Fremantle ist alles möglich. Sogar an nur einem Tag (z.B. bei einem Stop im Kreuzfahrthafen von Fremantle)…

Didgeridoo-Lehrer Sanchi
Das Geräusch des Instruments erinnert an die letzten Töne einer altersschwachen Henne. Verzweifelt blicke ich meinen Lehrer Sanshi an, der wahrscheinlich noch dem talentlosesten Trottel aufmunternd zunicken würde. „Versuch’s nochmal. Du musst die Lippen plustern wie ein Pferd, dem nach Hafer gelüstet“, rät der Japaner mit den Rastazöpfen und macht es auch gleich vor. Gemeinsam fabrizieren wir Trockenübungen im Schnauben. Dann setzte ich mein Didgeridoo noch einmal an den Mund, pruste voller Inbrunst hinein und… Yippie, es kommt tatsächlich ein tiefer, langgezogener Ton heraus. Sanchi klatscht begeistert in die Hände. „Yeah, jetzt hast du es. Gar nicht so schwer, oder?“ – Wie man’s nimmt. Um es mit dem Chef des Didgeridoo-Ladens in Fremantle aufnehmen zu können, müsste ich wahrscheinlich jahrelang Tag und Nacht üben.

Er entlockt seinem Didgeridoo Melodien, die einem durch Mark und Bein gehen. Fast sieht man dabei die Ureinwohner Australiens im Outback vor sich, wie sie am Lagerfeuer Musik machen. „Jedes Instrument ist anders“, erklärt Sanchi und streicht über die von Aborigines kunstvoll bemalten Holzstäbe. „Ursprünglich haben Termiten die Äste der Bäume von innen bearbeitet und damit das älteste Instrument der Welt erschaffen.“

In seinem Laden lehnen Didgeridoos in allen Größen und Facetten an den Wänden. Eine Probestunde bei Sanchi gibt’s sogar kostenlos. Und wer sich von seinem Instrument  nicht trennen mag, kann es natürlich auch kaufen und es sich nach Hause schicken lassen.

Eine Tunneltour im Gefängnis

Mein nächster Weg führt mich in den Knast. Noch bis vor einigen Jahren saßen die richtig schweren Jungs im Gefängnis von Fremantle ein – Mörder, Bankräuber, Kidnapper. Sträflinge mussten das Gefängnis in den 1850er-Jahren bauen, und es kursieren so einige wilde Geschichten über einstige Häftlinge. Sie werden bei den Stadtführungen in Fremantle gerne erzählt. Heute ist das Gefängnis eine beliebte Touristenattraktion, und ich habe mich für die als besonders spannend geltende „Tunnels Tour“ entschieden – nicht ahnend, welches Abenteuer mir damit bevorsteht.

In weiße Schutzanzüge gehüllt und jeder mit einem Helm auf dem Kopf stehen rund zehn Urlauber um einen kleinen, kreisrunden Schacht, in dem eine Leiter aus Stahl senkrecht in die Tiefe führt. In ein schwarzes Loch.

James, unser Guide, klinkt den Karabinerhaken an meiner Sicherheitsweste in eine Schiene seitlich der Leiter ein und steigt gegenüber von mir auf die schmalen Stufen. „Nicht nach unten gucken, schau mir in die Augen!“, befiehlt er mit einigem Nachdruck in der Stimme. Hatte ich erwähnt, dass ich Höhenangst habe?  Ich spüre, wie sich die ersten Schweißtropfen auf meiner Stirn sammeln, während wir Tritt für Tritt in den dunklen Schacht steigen. Als wir endlich unten angelangt sind, führt uns James durch die nur von wenigen Funzeln beleuchteten Tunnel, die einst in Schwerstarbeit von den Häftlingen gegraben wurden – und später für Jahrzehnte in Vergessenheit gerieten. Ursprünglich dienten sie dazu, Frischwasser in die Stadt zu leiten. Immer enger und tiefer werden die Tunnel, sodass wir erst nur den Kopf einziehen und später fast schon kriechen müssen. Die Verzweiflung der Gefangenen, die hier Tag für Tag mit Ketten an den Füßen in der Finsternis verbrachten, scheint noch immer wie ein fernes Echo in den feuchten Schächten zu hängen.

Tunneltour im Gefängnis von FremantleSchließlich kommen wir an einen schmalen Kanal und steigen zu zweit in Boote ein. Ich blicke nach oben, und meine Helmlampe wirft ihr Licht auf dicke Kakerlaken, die unter der Decke hängen.

Wenig später sagt James: „So, alle Mann die Lampen aus!“

„WAS? Warum das denn?“

„Ihr sollt mal das Gefühl haben, wie es damals für die Sträflinge war, die manchmal in völliger Dunkelheit arbeiten mussten.“

O Gott. Ich muss ständig an die Kakerlaken denken. Deswegen atme ich wirklich auf, als wir unsere Helmlampen wieder anschalten dürfen. Nach fast vier Stunden beenden wir unsere Tunneltour durch das Labyrinth 20 Meter unter dem Gefängnis und kommen uns alle vor wie echte Helden. (Die Tunneltour kostet 60 Dollar, Infos: www.fremantleprison.com.au)

Nach der doch etwas bedrückenden Atmosphäre im Gefängnis – manche der Graffitis an den Wänden jagten mir wirklich einen Schauer über den Rücken – kommen einem die sonnenwarmen, belebten Straßen von Fremantle wie das Paradies vor. Ich trinke den leckersten Fruchtsaft meines Lebens im gemütlichen Hinterhof des Moore & Moore Cafés und lasse mir dazu ein Sandwich mit ganz frischem Gemüse aus der Region schmecken. Nach Fremantle komme ich wieder, das steht fest.

Ein weiterer Gastartikel der Australien-Roman Autorin „Susan de Winter“ (veröffentlichte Bücher: „Der Stein der Schildkröte“ oder „Das Geheimnis der Traumzeit“.

    

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